Hemsbach Liederkranz – „Sie setzen Kontrapunkt zum Mainstram“

Oktober 2017 (Weinheimer Nachrichten) MGV 1867 Liederkranz: Festabend zum 150. Bestehen in der Sporthalle des Hemsbacher Bildungszentrum / Mahnende Worte des Bürgermeisters Jürgen Kirchner in der Festrede

 

HEMSBACH. „O Schutzgeist alles Schönen, steig hernieder in sanftem Wehn“ – man rieb sich ein wenig die Augen, vielmehr die Ohren, beim Text, der zur Melodie von Mozarts Priesterchor gesungen wurde; mit fein moduliertem Gesang und behutsamer Intonation half der MGV Liederkranz dem Publikum aber über die Schmachtverse hinweg, die der Dichter Bernhard Gottlob Denzel seinerzeit dem Stück aus der „Zauberflöte“ antat. Es war eine von drei klassischen Kostproben, die die Sänger beim Festabend im Bildungszentrum aus ihrem Repertoire gaben: 150 Jahre Vereinsgeschichte wurden mit Musik, Ehrungen und viel Publikum gefeiert, und in seiner Festansprache bezog sich Bürgermeister Jürgen Kirchner gleich mehrmals auf den Gesang und seine wohltuende Wirkung auf Vortragende und Zuhörer.

Wer singe, lege die Rolle des passiven Konsumenten ab; der Liederkranz trage dazu bei, dass die Musik „pur und lebendig“ bleibe, sprach er die Mitglieder direkt an: „Sie setzen den Kontrapunkt zu dem Mainstream unserer Zeit.“ Nach einem kurzweiligen Streifzug durch die Vereinsgeschichte war der Rathauschef schließlich in der Gegenwart angekommen und wählte deutliche Worte: „Der Liederkranz ist alt geworden.“

Mit durchschnittlich 70 Jahren und einem „Schwund“ auf aktuell etwa 30 Sänger kämpfe der älteste kulturelle Verein der Stadt mittlerweile ums Überleben. Nicht nur er. „In den nächsten zehn Jahren werden ein Viertel bis ein Drittel der Chöre verschwinden“, bezog sich Kirchner auf einen Zeitungsbericht, der diese Entwicklungen unter die Lupe nahm.

Um Nachwuchssänger anzuziehen, brauche es „Ideen, Elan, Einfallsreichtum“, doch grundsätzlich würden auch junge Menschen gerne singen. „Warum sie also nicht da abholen, wo sie sind?“

In verschiedenen Aktionen wie dem „Projekt Matchbox“ habe der Verein bereits Mut und Kreativität bewiesen, sollte sich aber auch klarmachen: „Die Pflege des deutschen Liedguts allein wird nicht ausreichen.“

Man könne ruhig sein Repertoire überdenken; stimmte auch Rudi Neumann zu, doch der Vorsitzende des Sängerkreises Weinheim bat gleichwohl: „Bitte singen Sie nicht alles auf Englisch.“

Eine Bitte, der an diesem Abend längst nicht alle Sänger nachkamen. Die Feier wurde nämlich abgerundet durch fünf Gastchöre, die englisch sangen, afrikanisch und sogar Kölsch, und zwar in einem Lied von den „Bläck Föös“.

Klangstark waren der MGV Liederkranz Weinheim und der MGV Mannheim-Sandhöfen zu hören, vielfältig mit starken weiblichen Stimmen die Chorgemeinschaft Buchklingen und traumhaft schön die „Xang-Selection“, ein Männer-Ensemble mit ausgewählten Mitgliedern aller „Schmittschen Chöre“.

Die „Bibiana Steinhaus“ des MGV

Mehr noch als sämtliche Appelle zeigte zu guter Letzt aber vor allem der Liederkranz Lampenhain, wie die Zukunft eines Chors aussehen könnte: Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder sangen gemeinsam; man hatte den Eindruck, dass sich hier Eltern, Großeltern und Enkel zusammentaten, um aus dem Singen sozusagen ein Familienprojekt zu machen. Und was dabei herauskam, machte allen Spaß, den Sängern wie dem Publikum.

Die Liste der Gratulanten beim Festabend war lang; der Zweite Vorsitzende Günter Lohrbächer dankte Vorstand Karl Engelsdorfer für dessen Engagement, Grußworte kamen von SPD-Bundestagsabgeordnetem Lothar Binding, Werner Sindermann (Liederkranz Viernheim), Petra Baumann (Gospelchor Hemsbach), Ingrid Schwan (evangelischer Kirchenchor Hemsbach-Sulzbach), Manfred Bachner (evangelischer Bauförderverein Christuskirche), Walter Hohl (Kaninchenzüchterverein), Dieter Oest (Liedertafel Weinheim), Andreas Bonk vom TV Hemsbach sowie von Sabine Riethmüller, die einen Brief der ehemaligen Festdame Evelyn Reitelhuber verlas.

Rudi Neumann vom Sängerkreis Weinheim ehrte Peter Kleefisch und Willi Hönig für 50 Jahre sowie Werner Walter für 60 Jahre aktives Singen; der ehemalige Bürgermeister Volker Pauli und sein Nachfolger Jürgen Kirchner bekamen die Schubertmedaille des Sängerkreises in Altgold, und für den Chor gab es eine Urkunde mit Gratulation vom Sängerkreis und dem Badischen Chorverband. Verbunden waren die Auszeichnungen mit einem Spendenbetrag von 1,50 Euro pro Mitglied.

Einen Blumenstrauß überreichte Kirchner an Edith Schmitt. Seit 2006 leite die Dirigentin nun den Chor und habe „ihre Männer seither bestens im Griff“. Kirchner spielte auf eine Schiedsrichterin im Profifußball an und nannte Schmitt „die Bibiana Steinhaus des MGV“ und einen Glücksfall für den Liederkranz.   stk

Mit einem großen Festabend in der Sporthalle des Bildungszentrums feierte der MGV Liederkranz sein 150-jähriges Bestehen  BILDER: PHILIPP REIMER

Auch Ehrungen gab es beim MGV-Festabend. Von links Vorsitzender Karl Engelsdorfer, Werner Walter, Volker Pauli, Edith Schmitt, Bürgermeister Jürgen Kirchner, Willi Hönig und Peter Kleefisch.

MGV-Vorsitzender Karl Engelsdorfer ist stolz auf seinen Verein.