Sulzbach Liederkranz – Kein Lied soll zu den Ohren rauskommen

Fabruar 2016 (Weinheimer Nachrichten) Im Gespräch: Ludwig Reinhard, seit 50 Jahren Chorleiter des MGV Liederkranz Sulzbach, über Höhepunkte mit dem Verein, was gute Singstunden ausmacht und den Austausch mit Kollegen

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Drawitsch

 

SULZBACH. Musikdirektor Albert Klosa aus Großsachsen förderte Mitte der 60er-Jahre den damals gut 20-jährigen Ludwig Reinhard, der sich als Vizedirigent bei der Lyra Schriesheim erste Meriten verdiente. Schon 1966 übernahm der 23-jährige Schriesheimer die Leitung des MGV Liederkranz Sulzbach. Es war der Beginn einer beispielhaften Zusammenarbeit, die nun am Samstag, 12. März, um 17.30 Uhr im Gemeindezentrum Sulzbach mit einem Chorkonzert seinen Abschluss erfährt. Aus Anlass des Jubiläums spricht Ludwig Reinhard (73) zusammen mit Liederkranz-Vorsitzendem Jochen Weber und Rudi Neumann, Liederkranz-Sänger und Vorsitzender des Sängerkreises Weinheim, über die Jahrzehnte in Sulzbach, über seine Arbeit als Chorleiter und das, was eine Singstunde krönt:

Können Sie das Gefühl beschreiben, das ein Dirigent hat, bevor der erste Ton des Chors ertönt?

Ludwig Reinhard: Man fragt sich innerlich schon auf der Fahrt zur Chorprobe: Wie viele werden überhaupt da sein. Müssen wir vielleicht in manchen Stimmbereichen etwas improvisieren.

Aber wie empfinden Sie den eigentlichen Moment vor dem ersten Ton?

Reinhard: Da liegt Spannung in der Luft. Da knistert es. Jeder Sänger braucht das.

Rudi Neumann: Man sieht das aber auch als Sänger im Gesicht seines Dirigenten. Dann weiß man von Anfang an: Das wird heute was oder es wird nichts.

Manchen Chorleitern wird eine gewisse Egozentrik nachgesagt. Muss der Dirigent auch egozentrisch sein, um den Ton angeben zu können?

Reinhard: Nein. Die Sänger bringen ja von sich aus Motivation und Bereitschaft mit. Es geht darum, diese Energie zu nutzen und nicht dem Chor etwas aufzudrücken. Am Ende einer Chorprobe wollen wir alle ein Erfolgserlebnis haben.

Und das wäre?

Reinhard: Dass wir nach eineinhalb Stunden ein neues Lied schon vierstimmig singen können.

Wie gehen Sie dabei vor?

Reinhard: Wir fangen immer bei Null an, wenn wir mit einem neuen Lied beginnen. Erst wird es in den Einzelstimmen geprobt, dann werden 1. und 2. Tenor und 1. und 2. Bass unter Instrumentalbegleitung zusammengeführt. Das Klavier ist in dieser Phase eine Stütze, aber alle müssen so schnell wie möglich wieder von der Instrumentalbegleitung wegkommen. Schließlich soll der Chor am Ende a cappella singen

Das hört sich nach viel Arbeit an.

Reinhard: Es ist eine Arbeit, die Chor und Dirigent gleichermaßen Spaß machen soll. Deshalb achte ich darauf, dass ein Lied bei der Probe nicht zu lange am Stück einstudiert wird. Sonst kommt es dem Chor zu den Ohren raus. In der Probe sind Vielfalt und Abwechslung gefragt.

Jochen Weber: Unter vier Liedern gehen wir aus keiner Probe bei Ludwig Reinhard raus.

Reinhard: Zwischendurch ein Witz ist auch Gold wert, insbesondere zur Auflockerung der Probe, die ja keine todernste Angelegenheit sein soll.

Wie hat sich der Liederkranz in alt den Jahren bezüglich der Zahl seiner aktiven Sänger entwickelt?

Neumann: Als Ludwig Reinhard 1966 begann, kam ich auch als Jungsänger zum Chor. Damals waren wir um die 25 Chormitglieder. Heute sind wir 46 und damit noch gut aufgestellt.

Reinhard: Zu Spitzenzeiten waren wir 69. Die 70 hatten wir seltsamerweise nie erreicht.

Also keine Nachwuchssorgen beim Liederkranz?

Reinhard: Wir sind in allen Stimmlagen ausreichend besetzt, freuen uns aber natürlich jederzeit über neue Sänger.

Kann es sein, dass Wertungssingen heute nicht mehr zeitgemäß sind und man durch andere Aufführungsformen neue Anreize

schaffen muss?

Reinhard: Dem kann ich nicht zustimmen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich auch die jungen Sänger gerne messen wollen. Ein 1. Platz bei einem Wertungssingen gibt einem Chor enormen Schub und Motivation.

Findet ein Austausch unter Chorleitern statt?

Reinhard: Schön, dass Sie das ansprechen. In den 80er-Iahren gab es einen Chorleiter-Kammerchor, den Gerhard Wind leitete. Da sangen Kollegen wie Volker Schneider, Richard Trares, Kurt Arras oder Hans-Joachim Karl mit. Gut 15 Jahre sangen wir gemeinsam. Wir gaben Konzerte und es fand natürlich immer auch ein fachlicher Austausch untereinander statt. Manchmal sagte ein Chorleiter: Hier habe ich ein neues Lied entdeckt. Das war anregend und sorgte für neue Ideen und Entwicklungen.

Wie sehen Sie überhaupt die Entwicklung der Gesangvereine hinsichtlich ihrer Qualität?

Reinhard: Der Schwerpunkt hat sich immer mehr in Richtung Volkslied verlagert. Ein schwieriges Chorwerk wie „Die Sehnsucht“ von Franz Schubert -übrigens mein Lieblingskomponist – kann nur noch von wenigen Vereinen gesungen werden.

Neumann: Das sah man auch an den Anmeldungen bei unseren Wettbewerben zum 110-jährigen Bestehen. Zum Wettbewerb mit Chorstücken meldeten sich 20 Vereine, zum Volksliederwettbewerb über 40.

Ganz spontan: Was waren für Sie die Höhepunkte in den 50 Jahren beim Liederkranz?

Reinhard: Die fünf Sängerfeste zum 65-, 75-, 90-, 100- und l10-jährigen in Vereinsbestehen bei denen ich Festdirigent war. Auch die Festkonzerte zum 25-,40- und 50-jährigen Dirigentenjubiläum in der Stadthalle bleiben mir immer in Erinnerung. Stolz bin ich mit den Sängern, dass wir drei Mal den Titel „Meisterchor“ des Badischen Sängerbundes, jetzt Chorverbandes, ersungen haben.

Das Konzert am 12. März wird ein Abschiedskonzert sein. Wie geht es bei Ihnen privat weiter?

Reinhard: Es gibt auch ein Leben nach der Chorleitertätigkeit. Ich werde meine neue Freiheit ohne Sängertermine genießen. Mein Enkel und der Garten werden unter anderem keine Langeweile aufkommen lassen. Meine Frau und ich werden dann auch des öfteren unsere geliebten Wanderungen unternehmen können.

Programm des Chorkonzerts

  • Das Chorkonzert zum 50-jährigen Chorleiter-Jubiläum von Musikdirektor FDB Ludwig Reinhard findet am Samstag, 12. März, um 17.30 Uhr im Gemeindezentrum Sulzbach in der Kleiststraße statt.
  • Mitwirkende sind: Männer-, Frauenchor und die „Disharrnoniker“ des MGV Liederkranz Sulzbach, der Schulchor der Carl-Orff-Grundschule, Solistin Tanja Neuthinger-Gärtner, Pianistin Renny Löffrer und Moderator Christian Behrens.
  • Die Gesamtleitung hat Ludwig Reinhard.
  • Das Programm beinhaltet Volkslieder und Lieder aus aller Welt, bekannte Volksweisen, Musical-Stücke, Gospel und Spirituals.
  • Eintritt: 10 Euro im Vorverkauf und 12 Euro Abendkasse. Saalöffnung: 16.45 Uhr.
  • Karten gibt es ab kommende Woche im Vorverkauf bei Salon Ullrich, Haushaltswaren Farrenkopf (beide Nördliche Bergstraße), Kegelbahn Bauer im „Zentrum“ und bei den Aktiven des Vereins.

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Ludwig Reinhard dirigierte 50 Jahre den MGV Liederkranz Sulzbach. Zum Abschied gibt es am 12. März um 17.30 Uhr im Gemeindezentrum ein Chorkonzert. In Reinhards Fußstapfen tritt Björn Karg. BILD: GUTSCHALK