Weinheim Cantus-Vivus – Zwischen Elegie und zarter Poesie

Juli 2016 (Weinheimer Nachrichten) „Cantus Vivus“ begeistert am Samstagabend mit „Nordischen Klangweiten“ in der voll besetzten St.-Laurentius-Kirche

 

WEINHEIM. Wenn Wolfram Schmidt, der leidenschaftliche Musiker, Pianist, Arrangeur und Dirigent, mit seinem 70-köpfigen Chor „Cantus Vivus“ ein Konzert präsentiert: dann erwartet Musikliebhaber stets ein Hörerlebnis der Superlative. Das bewiesen

in der Vergangenheit Chorprojekte wie „Krieg und Frieden“, „Missa in Jazz“ oder „Carmina Burana. Besonders gerne bewegt sich Schmidt auf ungewohnten Pfaden, indem er sich den Werken selten aufgeführter Komponisten widmet.

„Nördliche Klangwelten“ nennt Wolfram Schmidt sein neuestes Projekt, in dem er sich mit skandinavischen und baltischen Komponisten des 20. Jahrhunderts befasst. Zusammen mit dem Streichorchester Kurpfalz-Philharmonie Mannheim gastierte Cantus Vivus am Samstagabend in der St.-Laurentius­Kirche, wo es trotz des zeitnahen Viertelfinales Deutschland­Italien kaum noch freie Plätze gab. Die beiden Herren an der Abendkasse mussten des Öfteren beteuern dass das Konzert rechtzeitig vor dem Anpfiff enden würde – was auch der Fall war.

Mit den ersten romantischen Klängen des Orchesters wurden jedoch sämtliche Fußball-Gedanken vertrieben. Bei den elegischen Melodien von Edvard Griegs „Letzter Frühling“ dominiert der Ausdruck grenzenloser Schwermut, ein für die nordische Musik typisches Stilmittel, und doch leuchtete der melodische Klang der Streicher in poetischen, bunten Farben.

Das melancholische Lied zur Rosenzeit, basierend auf Goethes Gedicht „Wehmut“, hat Edvard Grieg für Gesang und Klavier komponiert. Experimentierfreudig arrangierte Wolfram Schmidt das Stück für vierstimmigen Chor, Klavier und Streicher, und für die Zuhörer wurde es ein mitreißendes Klangerlebnis. Sensibel eingeleitet von Matthias Hartmann am Klavier, begeisterte Arne Müller, Konzertmeister der Kurpfalz-Philharmonie, als Solo­Violinist mit seinem einfühlsamen Spiel voll schmelzender Süße, als er mit dem 70-köpfigen Konzertchor in Dialog trat.

Die Klasse der Sängerinnen und Sänger von „Cantus Vivus“ zeigt sich besonders in den technischen Feinheiten. Stimmwechsel wurden akkurat, wie mit dem Diamantschleifer, herausgearbeitet und verwöhnten die Zuhörer mit dichtem Wohlklang.

Das, was der 1843 geborene Edvard Grieg für sein Heimatland Norwegen bedeutet, ist der 1865 geborene Jean Sibelius für Finnland. Sein Werk „This is my Song“ gilt in Finnland als inoffizielle Nationalhymne. Begleitet von den Streichern begeisterte der große Chor auch hier mit seinem kultivierten, homogenen Klang, seiner sauberen Intonation sowie dem völligen Eingehen auf

seinen Dirigenten.

Lieder des Friedens

Auch bei der Friedensbitte „Dona nobis pacem“ , einem Werk des lettischen Komponisten Peteris Vasks, zeigte „Cantus Vivus“ eine enorme emotionale Kraft. Immer wieder neu schichteten sich die Stimmen vom innigen Piano bis zum Friedensapell in strahlendem Forte.

Aus Norwegen kommt der 1945 geborene Komponist Trond Kverno. Überzeugend fügte sich „Cantus Vivus“ bei dem Stück „Ave maris stella“ in die typisch nordischen Chorklänge ein.

Den krönenden Abschluss bildete ein Werk des 1915 geborenen und 2014 verstorbenen Norwegers Knut Nystedt. „Por a small planet“ für Chor, Sprecher, Klavier und Streicher ist ein opernartiges, weltumspannendes Gebet für Frieden und Einigkeit der Menschen. Nystedt schuf hier eine eindringliche Musik voller Dramatik und Höhepunkten.

Die 70 Sängerinnen und Sänger meisterten mühelos sämtliche Wechsel in Tempo, Rhythmik und Dynamik. Dazwischen ertönte, wie ein Gebet, die Stimme des Sprechers Karl-Heinz Dumm: „Break down the walls that separate us“ (Brecht die Mauem, die uns trennen). Wie ein Donnerhall wirkte der stimmgewaltige Chor, der es, dank seines Dirigenten, über die Region hinaus längst in die Liga der besten Konzertchöre geschafft hat.

Das begeisterte Publikum würdigte das hochkarätige Konzerterlebnis stehend mit minutenlangem Applaus.

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Arne Müller, Konzertmeister der Kurpfalz Philharmonie, gab dem Konzert von Cantus Vivus als Solo-Violinist zusätzliche Klang-Akzente. BILDER: REIMER

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Voll besetzt war die Weinheimer St.-Laurentius-Kirche, wo der Konzertchor Cantus Vivus in nordische Klangwelten entführte.