Weinheim Kammerchor – Auf der Höhe der Zeit

Mai 2017 (Weinheimer Nachrichten) Konzert: Weinheimer Kammerchor feiert sein 70-Jähriges musikalisch

 

WEINHEIM. „Wir freuen uns, sie so zahlreich zu unserem Konzert zum 70-jährigen Bestehen des Weinheimer Kammerchores begrüßen zu dürfen“, eröffnete Vorsitzender Michael Roth den Abend in der Stadtkirche. Wie immer war nicht weniger zu erwarten, als eine blendende stimmliche Verfassung. Scheinbar wächst der Chor an seiner Aufgabe, wobei in ihm weder die Einzelstimmen noch die Stimmgruppen Dominanz anstreben. Die Einheit des Klangs ist oberstes Gebot.

Der Chor pflegt das lineare Singen, die lockere, unpathetische Tongebung, in der der Zusammenklang (Harmonie) nur durch die „waagerechte“ Tonfolge bestimmt ist. Wie kompositorisch verlangt, ist keine Stimme dominant. Im Satzgeflecht übernimmt jede Stimmlage einmal Versführung, beziehungsweise Melodie, um sie gleich bereitwillig abzugeben. Dabei ist der jeweilige Part kunstvoll ausgeschmückt wie beim eingangs intonierten Werk von Antonin Dvorak „Es zog manch‘ Lied ins Herz mir ein“.

An keiner Stelle trübte sich, trotz der großen gesangstechnischen Herausforderungen über sechs Jahrhunderte hinweg, die Intonation. Immer wieder nahm das geschmeidige und wohldurchdachte Singen gefangen. Der Chor war 1947 von Fritz Oberst gegründet worden.

Nach seinem Ausscheiden übernahm seine Tochter Juliane die Leitung. Heute hat sie Norbert Thiemel inne, der Sängerinnen und Sänger weit im Raum der Kirche verteilte.

Alle hält zusammen, was in den wechselvollen 70 Jahren nicht verloren gegangen ist: die Freude am gemeinsamen Singen. Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit zeichnet auch Thiemel aus, der versucht., dem Chor neue Perspektiven zu eröffnen; etwa bei dem von ihm komponierten Stück „Komische Vögel“ für Chor und Streicherensemble, in dem man sich zur Voliere im Weinheimer Schlosspark durch harmonische Sätze versetzt fühlte. Direkt ins Ohr ging das zungenbrecherische Chorwerk „Le Chant des Oyseaux“, ein lebensfrohes Hochgeschwindigkeitsstück mit Vogelgezwitscher von Clement Janequin (1485-1558).

Musikalisch komplex das nach einem Gedicht von Rainer Maria Rilke entstandene Werk „Un Cygne“ aus „Six Chansons“ (1939) von Paul Hindemith. Mit innerer Ruhe ließ der Chor den Madrigal-Gesang „Ecco mormorar Ponde“ aus „Il secondo libro dei madrigali“ (1590) entstehen. Leicht und federnd schmiegte er sich der Sprachmelodie an. Aus der berühmten „Geistlichen Chormusik“ von 1648 von Heinrich Schütz sang der Chor den majestätischen Lobgesang „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“, ein sechstimmiges, polyphones Werk.

Hugo Distler hat in seiner Chormusik sehr stark auf die alten Meister, insbesondere, auf Heinrich Schütz, zurückgegriffen. Sein Werk „Die traurige Krönung“ aus Mörikes Chorliederbuch (1939) hatte mehr Bezug zu Renaissance und Frühbarock als zu Zeitgenossen wie Stravinsky oder Schönberg. Hatte der Chor schon bei Distler gezeigt, welches Einfühlungsvermögen er für diesen Vokalstil mitbringt, so ging er auf den Chorgründer Fritz Oberst ein, der das Lied „Ich kam, weiß nit woher“ (ein alter Volksspruch) komponiert hatte.

Ein Höhepunkt war die Rarität „Innsbruck, ich muss dich lassen“ von Heinrich Isaac (um 1450-1517), die leicht über die Lippen kam. Kein Wunder, berühren doch diese Lieder das Innerste des Menschen. Ehrensache, dass sich der Chor immer wieder bei seinen Konzerten der historischen Aufführungspraxis verpflichtet fühlt wie in „Komm zurück“ aus „First Booke Of Songes Or Ayres“ (1597) von John Dowland (1563-1626) mit seiner weiträumigen Linearität. Bestechend ausgewogen war der Stimmen-Einsatz.

Reich an Fantasie, romantischer Stimmungskraft und lyrischem Gefühl war Felix Mendelssohn Bartholdys „Abschied vom Walde“ mit seinen zarten Dissonanzen.

Gespannt war man auf das Auftragswerk (Uraufführung) des anwesenden Komponisten Johannes Voit, das auf der Textgrundlage des Gedichts „Leise klagt Wind im Baum, alles ist wie im Traum“ von Fritz Oberst beruht. Die Gleichsetzung von Chor und Streichern des Weinheimer Kammerorchesters bewirkte eine vielschichtige Klang- und Tondichtung. Im feinen Kontrast dazu stand das von Norbert Thiemel komponierte „Hortus Hermani“. Die Idee dazu kam ihm bei einem Spaziergang im Hermannshof. Zum Schluss gab es Riesenbeifall für Chor und Streicher. G.J.

Norbert Thiemel verteilte die Sängerinnen und Sänger des Kammerchors Weinheim im ganzen Kirchenraum, was die Wirkung noch verstärkte. BILD: PHILIPP REIMER