Grosssachsen Sängerbund – Eine Leiche, viele Lacher und Lokalkolorit

März 2019 (Weinheimer Nachrichten) Gelungene Premiere der Krimikomödie “Rendezvous mit einer Leiche” / Durchhalten trotz Krankheitsfällen hat sich gelohnt / Zuschauer in der Alten Turnhalle sind vollauf zufrieden

 

GROSSSACHSEN. O-beinig und unsicher stakst Robert ins Zimmer, das Gesicht schmerzverzerrt angesichts der High Heels, die seine Zehen quetschen und ihn aus dem Gleichgewicht bringen; seine Mundwinkel hängen herunter wie die spaghettifarbene Perücke, und als er jammernd in die Gaststube tritt, wird ihm klar, dass das geplante Romantik-Wochenende im Landgasthof gerade völlig aus dem Ruder läuft. Seine unfreiwillige Travestie-Nummer ist nur eine von vielen Verwicklungen in der Krimikomödie “Rendezvous mit einer Leiche”, die die Theatergruppe des MGV Sängerbund auf die Bühne der Alten Turnhalle gebracht und dabei im Vorfeld mit etlichen Problemen zu kämpfen gehabt hat. Leiterin Karin Kunz spricht die Krankheitsfälle kurz an, wegen denen die Premiere mehrmals verschoben wurde: “Wir mussten mit vielen Hindernissen arbeiten.”

Zuletzt wurde Nachwuchsspieler Simon Kalitz am Blinddarm operiert, doch nun steht er putzmunter auf der Bühne, überzeugt als schnöseliger Stadtjunge Louis und bekommt am Ende einen Extra-Applaus. Neben den Problemen erfahren die Darsteller aber auch jede Menge Unterstützung: Sie kommt von der neuen Souffleuse Brigitte Herrmann, Techniker Christian Mayer, Bühnenbildner Dieter Korsch, vom Reitverein, dem MGV Sängerbund und den Großsaasemer Buwe, die Getränke, Schnitzel, Weißwürste und zu Beginn auch einen Birnenschnaps servieren – mit dem Hinweis, dass er eine Stärkung sei: “Damit Sie den Anblick der Leiche besser ertragen”.

Paraderolle für Deppe

Über diese stolpern Robert (Michael Herrmann) und sein Kumpel gleich zu Beginn des ersten Akts; weil zu später Stunde schon alle Bürgersteige hochgeklappt sind, brechen sie in die “Haas’sche Mühle” ein, vor allem Ehemann Robert getrieben von der Neugier auf die schöne Unbekannte, mit der er hier verabredet ist. Er hat den tuntigen Rolf im Schlepptau – eine Paraderolle für Karl-Heinz Deppe, der sich in einen Migräneanfall flüchtet, kaum dass er über den vermeintlichen Toten fällt.

Die beiden kommen als Frauen verkleidet zurück – weitere Gäste für Wirtin Paula (Michaela Strifler), die an diesem Tag ein volles Haus hat: Lena (Johanna Mayer) und Mathilde (Kunz) quartieren sich ein, die sich später als Roberts Gattin und zugleich als geheimnisvolle Fremde aus der Anzeige entpuppt. Dass die beiden Oel und Dorf mit Nachnamen heißen, dürfte vor allem Ehrenbürgermeister Werner Oeldorf gefallen, der ganz vorne im Publikum sitzt und sich köstlich amüsiert: Immer wieder gibt es Anspielungen aufs Lokalgeschehen, etwa beim Auftritt der hochnäsigen Waltraud (Petra Mayer), die ihre Tochter Monika (Rebecca Frohn) unbedingt mit dem Grafen von Hirschberg verheiraten und in die Schickeria von Leutershausen aufsteigen will. “Bevor isch den alte Sack heier”, gibt aber die unwillige Braut zu Protokoll, “wird eher noch der Just Bojemäschter vun Woinem!”

Zur Staffage gehören außerdem Postbote Alfred (Dieter Korsch), der die Wirtin umschwärmt, deren unbedarfter Sohn Klaus (Michael Bahr), Dorfjunge Max (Phillip Mayer) und Polizist Eugen (Steffen Kunz), der vergeblich versucht, Einbrecher, Mörder und Diebe zu fassen. Fehlt noch Faktotum Liesel: Martina Kalitz geht auf in der Rolle der kratzbürstigen Magd. Mit Kittelschürze und filzigem Haar hat sie anfangs ebenso wenig Chancen beim Dorf-Casanova Schorsch (Florian Otto) wie im hautengen Erotik­-Zweiteiler aus dem Hause “Agathe Muhse”.

Doch mit Unterstützung von Monika mausert sie sich zum Hingucker im Kirschenkleid, und dem Glück mit ihrer “Herzkersch” steht nichts mehr im Weg. Auch der verhinderte Ehebrecher Robert söhnt sich mit der Gattin aus und darf am Ende wieder aus den unbequemen Tretern steigen. Zwar fehlt ihm definitiv die damenhafte Eleganz, doch bemerkt ein Zuschauer angesichts des kurzen pastellfarbenen Kleidchens grinsend, dass er es durchaus tragen kann: “Er hat die Beine dazu”.

Rolf überwindet seine Angst vor der Leiche – die in Wahrheit nur ein Strohsack ist. Offen bleibt, ob es ein Happy End zwischen dem Polizisten und dem Schwulen gibt, der in Pagenkopf und Abendkleid seine weibliche Seite entdeckt. Fest steht jedoch, dass die Maskenbildnerinnen gerade an ihm ganze Arbeit geleistet haben: Beifall für Karina und Nadja Mayer, die den seriösen Herrn in eine attraktive Frau verwandelt haben. Es ist eine von vielen Runden Beifall, mit denen die gelungene Aufführung quittiert wird. Und die den Akteuren der Theatergruppe zeigen, dass sich das Durchhalten schließlich doch noch gelohnt hat. stk

Jetzt hat es doch geklappt: Krankheitsbedingt wurde “Rendezvous mit einer Leiche” mehrmals verschoben. Am Freitag fand die Premiere vor vollem Haus statt.  BILD: PHILIPP REIMER