Großsachsen Sängerbund – Eliza singt auf „Woinemerisch“

Juni 2018 (Weinheimer Nachrichten) Musical: Das Holzwurm-Theater schenkt dem Publikum in der gut gefüllten Stadthalle, drei Abende hintereinander, mit „My fair Lady“ einen kulturellen Höhepunkt

Von unserer Mitarbeiterin Margit Raven

 

WEINHEIM. „Entzückend ordinär und schauerlich schmutzig“ urteilt Professor Higgins, als er zusammen mit seinem Freund, Oberst Pickering, dem Blumenmädchen Eliza Doolittle begegnet und beschließt, sie zum Objekt seiner Brachialpädagogik zu machen. Eliza träumt von einem besseren Leben und willigt in seinen gestalterischen Snobismus ein.

Die aufwendige Inszenierung von „My Fair Lady“, die das Holzwurm-Theater, in Kooperation mit der Musikschule Badische Bergstraße, der Kulturgemeinde Weinheim, dem MGV Sängerbund 1873 und dem Griechisch-Deutschen Freundeskreis Philia, mit mehr als 120 Mitwirkenden, an drei Abenden in der gut besuchten Stadthalle präsentierte, war ein voller Erfolg und würde sich zweifellos auch für andere renommierte Gastspielhäuser eignen.

Regisseur und Produktionsleiter Joachim Goedelmann ist es in den monatelangen Proben gelungen, sein Ensemble ins Profilager zu holen. Die Schauspieler überzeugen in Darstellung, Gesang und Bewegung, die Ballettgruppe unter der Choreografie von Claudia Griethe, begeistert mit hinreißenden Tanz- und Steppszenen, in denen Hauptdarstellerin Katja Hoger den Mittelpunkt bildet. Derweil läuft das 50-köpfige Sinfonieorchester der Musikschule Weinheim, unter der Leitung des Kölner Dirigenten Jan -Paul Reinke, im Orchestergraben zu Hochformen auf. Links der Bühne hat der gemischte Chor des MGV Sängerbundes 1873, unter der Leitung von Elena Kleiser-Wälz, auf einer Galerie Aufstellung genommen und begleitet intonationssicher die bekannten Ohrwürmer des, nach wie vor, am häufigsten inszenierten Musicals. Ein großes Kompliment gilt dem 84-jährigen Bühnenbildner Dieter Korsch, der den Blumenmarkt des Londoner Covent Garden auf Weinheims historischen Marktplatz verlegt hat und mit ebenso liebenswerten Details die Bibliothek von Professor Higgins gestaltete.

Dazu passt die Idee des Regisseurs, den kraftvollen Londoner Cockney-Akzent, den Eliza und ihre Freunde sprechen, ins „Woinemerische“ zu übersetzen, was allerdings nicht immer leicht zu singen ist. Das muss auch Holger Mattenklott in seiner Paraderolle als trinkfreudiger Müllwerker Alfred P. Doolittle bei dem Lied „Mit em kleenen Stückchen Schweine-Glück“ erfahren. Doch stets dominiert seine enorme Bühnenpräsenz, die er auch in Frack und Zylinder mit dem Wunsch „Bringt mich pünktlich zum Altar“ zeigt. Die flehende Bitte des Blumenmädchens Eliza „Kaafe Se mir doch e Blimmelsche ab, Herr Hauptmann“ klingt dagegen ausgesprochen niedlich. Das findet jedoch Professor Higgins, der Sprachforscher, der jede kleine Provinz von England bis Wales am Dialekt erkennen kann, überhaupt nicht. Ja, er spricht sogar von „kaltblütigem Muttersprachen-Mord“, den dieses „üble Dreckstück“ mit seinen Gossen-Sprüchen verübt.

Der Weinheimer Andy Ardelean gibt den Frauenhasser und selbstverliebten Einzelgänger in einer sensationellen schauspielerischen Leistung. Wenn er den Macho herauskehrt („Lass ein Weib an dich heran“) und in seiner geschulten Sprechweise jenen affektierten Tonfall mitschwingen lässt, der so wunderbar das Upperglass-Englisch der High Society andeutet, setzt seine steife „Gentleman’s Club“-Haltung noch ein i-Tüpfelchen drauf. Wolfgang Piorkowski ist in der Rolle des Oberst Pickering der warmherzigen Ausgleich, für das üble Verhalten seines Freundes. Katja Hoger ist eine ebenso entzückende wie stimm- und tanzgewaltige Eliza, die mit ihrem klaren Sopran bei der Arie „Ich hätt‘ getanzt heut Nacht“ Operetten-Niveau einnimmt. Bei ihrer langsamen Verwandlung von der schimpfenden Straßen-Göre zur feinen Lady fiebert das Publikum mit und wenn ihr dann endlich das „grünt so grün“ gelingt, wird sogar das ein oder andere Tränchen verdrückt. Als sie schließlich mit Schmuck und Diadem, in einem atemberaubenden Ballkleid, erscheint, geht ein Raunen durch das Auditorium. Ein Beweis, dass die Verwandlung vom Aschenputtel zur Prinzessin immer noch verzaubern kann.

Der Höhepunkt des 1956 von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe nach George Bernard Shaws Romanze „Pygmalion“ geschrieben Musicals „My Fair Lady“, ist das Pferderennen in Ascot, bei dem sich Eliza erstmals bewähren soll, jedoch versehentlich in ihren alten Straßenjargon verfallt, wenn sie ihrem Wett-Pferd „Pfeffer in den Arsch“ streuen möchte. Hier hat Veronika Stapf, die auch in der Rolle der klugen, warmherzigen Mutter Henry Higgins überzeugt, mit ihrem Team, beim Erschaffen der breiten, dekorierten Hüte und prachtvollen Kleider der Ascot-Damen, wahre Wunder vollbracht.

Als Eliza schließlich als Mittelpunkt des Diplomatenballes bewundert wird, beglückwünschen sich Higgins und Pickering gegenseitig und ignorieren die Person ihres Erfolges. Higgins bezeichnet Eliza gar als „Ding“. Doch das ehemalige Blumenmädchen findet sich mit seiner Objekthaftigkeit nicht ab und zahlt es dem egomanischen Oberschichts-Macho heim, als sie ihm eröffnet, dass sie den mittellosen Freddy Eynsford-Hill (Helmut Schmiedel: „In der Straße, in der du lebst“) heiratet. Higgins wacht endlich auf, doch sein Liebesgeständnis „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“ ist nur halbherzig und wird von der Frage getoppt: „Wo sind meine Pantoffeln, Eliza?“ Das Happy End bleibt also aus, nicht jedoch der minutenlange tosende Applaus, zu dem sich das Publikum erhebt, um sich mit Bravorufen für einen großen Theaterabend zu bedanken.

Die Mitwirkenden:

  • Die Darsteller: Eliza-Doolittle (Katja Hoger). Professor Higgins (Andy Ardelean), Oberst Pickering (Wolfgang Piorkowski), Alfred P. Doolittle (Holger Mattenklott), Freddy Eynsford-Hill (Helmut Schmiedel), Mrs. Higgins (Veronika Stapf), Mrs. Pearce (Ingrid Heisel), Karpathy/Wirt (Walter Hubach), Mrs. Eynsford-Hill/Dienstmädchen (Sabine Wunder), Mrs. Boxington/Königin (Juliane Maier), Harry/König (Miroslav Wolena), Jamie/Soldat (Rainer Stefan), Straßenarbeiter (Alfred Albrecht), Blumenmädchen (Carola Stier, Katrin Krug, Barbara Bauer), Dienstmädchen (Silke Hartmann, Jutta Hoger).
  • Choreographie: Claudia Griethe; Chor: MGV Sängerbund 1873 (Leitung: Elena Kleiser-Wälz); Sinfonieorchester der Musikschule Badische Bergstraße (Leitung: Jan-Paul Reinke).
  • Regie, Produktionsleitung und Inspizient: Joachim Goedelmann; Gesamtverantwortung Musik: Jürgen Osuchowski; Bühnenbild: Dieter Korsch; Maske und Kostüme: Veronika Stapf, Juliane Maier, Jutta Hoger, Manuela Albrecht, Nina Jalowiky; Technik: Thomas Neitzel; Assistenz der Produktionsleitung: Sandra Ordelheide, Manuela Albrecht.

Auf einem Markt in London wird Professor Higgins (Andy Ardelean; vorne links) zum ersten Mal auf das Blumenmädchen Eliza (Katja Hoger; stehend rechts) aufmerksam. Aus dem „entzückend ordinären und schauerlich schmutzigen“ Mädchen will er eine echte Lady machen. BILD: MARCO SCHILLING