Hemsbach-Laudenbach – Gedenken mit „ungeheurer Aktualität“

November 2018 Weinheimer Nachrichten) Volkstrauertag: Veranstaltungen in Laudenbach und Hemsbach / Redner setzen sich auch mit rechter Hetze gegen Ausländer und Andersdenkende auseinander

 

HEMSBACH/LAUDENBACH, Am 21. November jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Die Erinnerung an diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so der Laudenbacher Bürgermeister Hermann Lenz, war Aufhänger der Gedenkveranstaltungen zum gestrigen Volkstrauertag in Laudenbach und Hemsbach. In Laudenbach versammelten sich mit Mitwirkenden 60 bis 70 Personen an der Gedenkstätte, in Hemsbach etwa 150 Personen am Ehrenmal im Friedhof. An beiden Gedenkveranstaltungen wirkten die Evangelischen Posaunenchöre, in Hemsbach zusätzlich der MGV Liederkranz, in Laudenbach der Singverein mit. Am Ende wurden Kränze niedergelegt.

„Die Ruhe nach dem Sturm war die Ruhe vor dem Sturm“, sagte der Laudenbacher Bürgermeister Lenz zum Ende des Ersten Weltkrieges mit seinen zehn Millionen Toten. 21 Jahre später sei der Zweite Weltkrieg ausgebrochen und habe ein Vielfaches an Menschenleben gefordert. Die Botschaft der Gräber aufzugreifen heiße Frieden und Versöhnung. Dazu müsse jeder beitragen und einschreiten, wenn Mitmenschen Hilfe brauchten, Zivilcourage zeigen, wenn Bürgerrechte ausgehöhlt würden. Mehr als 70 Jahre halte die, längste Friedensperiode in der europäischen Geschichte, sagte Lenz, zeigte sich aber besorgt von zunehmenden nationalistischen und fremdenfeindlichen Parolen.

Ute Arnold, seit September Gemeindeassistentin der katholischen Pfarrei, setzte sich in einer sehr persönlichen Ansprache mit dem Spruch „Geteilte Freunde ist doppelte Freude – geteiltes Leid ist halbes Leid“ auseinander. Mit dem letzten Teil habe sie Schwierigkeiten: Geteiltes Leid sei nicht unbedingt halbes Leid, jedenfalls dann nicht, wenn es um das Thema Gewalt und Krieg gehe und die Würde mit Füßen getreten worden sei. Arnold veranschaulichte dies mit einer Begebenheit aus ihrer eigenen Familie: Ihre Oma habe in der Nacht, als ihr Sohn im Zweiten Weltkrieg als vermisst galt, den Familienpfiff, das Erkennungszeichen der Familie, gehört und habe gewusst, dass ihr Sohn getötet worden sei. Die Erinnerung daran sei über Jahrzehnte präsent geblieben, das Leid sei nicht weniger geworden. In einem anderen Fall habe ihr eine Frau an der Kühltheke eines Supermarktes davon erzählt, dass sie als Neunjährige deportiert worden sei. Auch in diesem Fall sei das Leid geteilt, aber nicht weniger geworden. Mit einer kurzen Geschichte von Ernst Penzoldt verdeutlichte sie, „warum es keinen Krieg geben darf“.

Gedenken in Hemsbach

Der Hemsbacher Bürgermeister Jürgen Kirchner stellte in den Mittelpunkt das Aufkommen von rechten Populisten und Extremisten, dem Zeigen des Hitlergrußes, Gewaltbereitschaft, Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und Andersdenkende sowie eine zunehmend antisemitische Hetze. Der Volkstrauertag bekomme dadurch „plötzlich ungeheure Aktualität“. Er sei ein Tag des Gedenkens und der Trauer, aber auch ein Tag der kritischen Reflexion, ein Tag der Immunisierung gegen billige, herabwürdigende Parolen gegen Menschen anderer Herkunft, Religion und Hautfarbe und ein Tag des Engagements für ein gelingendes Miteinander in Europa.

Ernst Hertinger von der katholischen Kirchengemeinde stellte die Schützengräben von Verdun an den Beginn seiner Rede: Sie stünden für den Beginn einer Epoche, die in den Massenmorden der Nationalsozialisten und dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt gefunden habe. Der Albtraum sei nicht zu Ende. „Wie viele Kinder und Jugendliche kennen nur Krieg?“, fragte Hertinger. Frieden setze Versöhnung, Kompromissbereitschaft und Respekt voraus, ohne außer Acht zu lassen, was am allerwichtigsten sei: „Dass jeder Mensch ein Mensch ist und bleibt – egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Religion.“

Hertinger setzte sich auch mit politischen Richtungen auseinander, die das christliche Abendland beschwörten und sagte: „Jeder Mensch ist für Gott wertvoll und wichtig.“ Seine Forderungen: Gegenüber nationalistischen Tendenzen müsse man sich für ein Miteinander einsetzen. Wenn Staatsmänner sich einer hasserfüllten, waffenklingenden Rhetorik bedienten, müsse man sich für eine andere Politik starkmachen. Und wenn Menschen wegen ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer politischen oder sexuellen Orientierung die Daseinsberechtigung abgesprochen werde, dann müsse die Stimme dagegen erheben.  maz

Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt: Unsere Aufnahme zeigt den Singverein bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Laudenbach. Vorne rechts Gemeindeassistentin Ute Arnold und Bürgermeister Hermann Lenz. BILD: FRITZ KOPETZKY