Laudenbach Sinverein – Getreu dem Motto: „Uns verbindet das Lied“  

April 2020 (Weinheimer Nachrichten) Der Singverein schlägt vor 30 Jahren mit Chorgesang Brücken in die Kulturmetropole Weimar und pflegt seither eine Partnerschaft mit dem dortigen Philharmonischen Chor

Von Herbert Bangert

 

Laudenbach. Das Wochenende 7./8. April 1990 ist vielen Sängern des Singvereins 1870 bis heute in Erinnerung. Damals reiste der Chor in die herausragende Kulturstadt Weimar, um nach dem Fall der innerdeutschen Mauer und noch vor der Vereinigung ein Zeichen der Verständigung und einen kleinen Beitrag zum Zusammenwachsen dessen, was zusammengehörte, wie es Willy Brandt ausdrückte, zu leisten. Dabei war man sich durchaus bewusst, dass Weimar nicht nur die Stadt großer humanistischer Tradition mit Goethe, Schiller, Liszt und Herder sowie Geburtsstätte der ersten deutschen Demokratie war, sondern vor den Toren der Stadt auf dem Ettersberg auch das Konzentrationslager Buchenwald errichtet wurde, wo 56 000 Menschen den Tod fanden. Und dieses KZ wurde keineswegs zufällig bei Weimar errichtet, sondern war die Konsequenz aus dem sich bereits Mitte der 1920er-Jahre hier vollziehenden Rechtsruck. In der damaligen thüringischen Hauptstadt Weimar traten bereits 1930 die ersten Nationalsozialisten in die Landesregierung ein, 1932 übernahmen sie hier die Macht, Ereignisse, die im Zusammenhang mit der jüngsten Krise in Thüringen in Erinnerung gerufen wurden.

Dennoch war Weimar selbstverständlich eine herausragende Adresse für eine Chorbegegnung. Sie ging zurück auf die Generalversammlung am 6. Januar 1990, als in den Raum gestellt wurde, eine Konzertreise in die neuen Länder durchzuführen, sofern es gelingen würde, geeignete Gastgeber zu finden. Dank persönlicher Beziehungen des Chorsängers Friedrich Rittersberger, wurden erste Kontakte zum Philharmonischen Chor in Weimar aufgenommen. Eine Delegation des geschäftsführenden Singvereinsvorstandes mit dem Vorsitzenden Karlheinz Bangert reiste bereits einige Wochen später nach Weimar und wurde dort vom Chorleiter Eduard Lehmstedt und Organisationsleiter Dr. Waldemar Danowski empfangen und in einer privaten, großzügig ausgestatteten „Datsche“ beherbergt.

Der damalige intensive Gesprächsaustausch bis in die frühen Morgenstunden bezüglich der Erfahrungen des Lebens in den unter­

schiedlichen Systemen in Ost und West, den Erwartungen an ein geeintes Deutschland und den Hoffnungen, die man auf beiden Seiten mit einer Chorbegegnung verband, mündeten in die konkreten Planungen der Konzertreise Anfang April.

Singverein will Brücken bauen

Es ist kein Zufall, dass die beim 100-jährigen Jubiläum des Vereins 1970 geweihte neue Vereinsfahne den Leitsatz „Uns alle verbindet das Lied“ ziert. Es war eine Intention, die den Verein schon damals leitete und die später noch intensiver mit Leben erfüllt wurde. Bereits 1957 gab es eine Chorbegegnung mit Lautenbach im Saarland. 1967 folgte der erste Auslandsauftritt im niederländischen Boskoop, dem in den Folgejahren mehrere Begegnungen mit den dortigen „Gouwe Sanghers“ folgten. 1975 fand die erste Begegnung mit dem walisischen Ausnahmechor „Meibion Llanelli“ statt, mit dem man vier Jahre später eine formelle Partnerschaft begründete.

Seit 1990 pflegt man eine Freundschaft zum Philharmonischen Chor in Weimar und in den letzten Jahren knüpfte man Kontakte zum Bergsteigerchor „Presanella Pinzolo“ im Trentino. Daneben gab es viele Kontakte zu Chören, denen man in Laudenbach mit einem begeisterungsfähigen Publikum eine großartige Konzertplattform bot. So konnte man Chöre aus Russland, Estland, Ungarn und Südafrika, aber auch herausragende deutsche Chöre in den letzten Jahrzehnten in Laudenbach erleben. Außerdem stellte man sich wiederholt und gerne in den Dienst der kommunalen Partnerschaft mit dem französischen Ivry-la-Bataille,

Partner mit bewegter Geschichte

Die Geschichte des 1977 durch den Chorleiter des Nationaltheaters Weimar gegründeten Chors ist bis heute mit diesem Haus eng verbunden. Es handelte sich seinerzeit um einen Laienchor, der den professionellen Opernchor bei großen Aufführungen unterstützte und der vom Rat der Stadt Weimar finanziert wurde. Die Wende 1990 bedeutete für den Chor eine ungesicherte Zukunft. Die Finanzierung war nicht geklärt und man war froh, dass das Nationaltheater in dieser Situation an dem Ergänzungschor festhielt.

Als Eduard Lehmstedt 1997 nach 20-jähriger Leitung des Philharmonischen Chors in den Ruhestand trat, wurde in der Folge die Finanzierung des Chors immer häufiger infrage gestellt. So hatte die Zahl der Einsätze am Nationaltheater ab 2005 stetig abgenommen. 2013 trennte sich die neue Intendanz, getrieben von Sparzwängen, vom Ergänzungschor, sodass der Philharmonische Chor vor dem Aus stand. Es stellte sich als besonderer Glücksfall heraus, dass seinerzeit mit Professor Dr. Eckart Lange, Dekan an der Hochschule für Musik in Weimar, der die sorgenvolle Entwicklung des Chors schon einige Jahre beobachtet hatte, ein neuer Chorleiter gewonnen wurde.

Der Philharmonische Chor wurde 2013 als eigenständiger Konzertchor in Form eines eingetragenen Vereins wiedergegründet und steht seitdem unter der profunden Leitung von Lange. Der zwischenzeitlich wieder auf 40 Sängerinnen und Sänger angewachsene Chor genießt das Privileg, weiterhin den Chorsaal des Nationaltheaters kostenfrei nutzen zu dürfen. Die Qualität des Repertoires und die gesangliche Leistung wurden 2018 mit der Aufnahme in den Verband deutscher Konzertchöre honoriert. Kostproben des Könnens werden die Besucher des Weihnachtskonzertes am 19. Dezember erleben dürfen, wenn der Philharmonische Chor gemeinsam mit den Chören des Singvereins auf das Fest einstimmt.

30 Jahre Chorbegegnungen

Im Verlauf der letzten 30 Jahre waren es insbesondere die Jubiläen auf beiden Seiten, die die Chöre zusammenführten. Eine Besonderheit bleibt das erste Gastspiel im April 1990, als die Sänger noch in einem ehemaligen FDJ-Heim nächtigten, im Verlauf einer Stadtführung den erheblichen Sanierungsbedarf sahen und in der Aula der Goethe­Oberschule im abendlichen Konzert mit einer Glanzvorstellung aufwarteten, sodass es auch für die Gastgeber keinen Zweifel geben konnte, einen ihren Ansprüchen genügenden Partner gefunden zu haben. Am nächsten Tag unterbrach man die Heimreise noch in Straußfurt, um dort, wo der Laudenbacher SPD­Ortsverein wertvolle Aufbauarbeit leistete, den Gottesdienst zu umrahmen.

Unmittelbar nach dem Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990, fand in der Zeit vom 5. bis 7. Oktober der Gegenbesuch in Laudenbach statt. Hier umrahmten beide Chöre die Feierstunde der Gemeinde zur staatlichen Einigung und im Anschluss pflanzten die Gäste einen Ginkgo auf dem Grundschulgelände. Am Abend wurde gemeinsam unter Mitwirkung des städtischen Orchesters Heidelberg ein Konzert mit berühmten Opernchören gesungen, das über 1000 Besucher anlockte und auch im Zeichen des 120. Geburtstags des Singvereins stand.

Fünf Jahre später waren es dann das 125-jährigen Jubiläum und die 1200-Jahrfeier der Gemeinde, die nicht nur den Chor aus Weimar, sondern auch die Partner aus Llanelli und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim nach Laudenbach zu einer großen Jubiläumsgala am 14. Oktober zusammenführten, bei der die Bergstraßenhalle mit 1200. Besuchern ausverkauft war. Im Juni 1997 reiste man dann nach Thüringen, um mit den Freuden das 20-jährige Bestehen zu begehen und beim Abschiedskonzert für Eduard Lehmstedt mitzuwirken. Fünf Jahre später gestaltete man das Festkonzert zum 25-jährigen Bestehen mit und verband die Reise mit einem Besuch von Dresden und der Sächsischen Schweiz.

2007 folgte der Singverein der Einladung zur Mitgestaltung des Konzertes zum 30-jährigen Jubiläum. Einen dreifachen Anlass gab es 2015 mit 25 Jahren deutscher Einheit und Freundschaft zwischen den Chören sowie dem 145. Geburtstag des Singvereins für ein Chorkonzert im Festsaal der Sonnbergschule unter dem Motto „Musik vereint“, das auch vom Frauenchor des Singvereins mitgestaltet wurde. Ende September 2017 fand der Gegenbesuch beider Singvereinschöre zum 40-jährigen Chorjubiläum in Weimar, statt, ehe man nach Bautzen und Görlitz weiterreiste.

Zur Jubiläumsmatinee im Januar zum stolzen 150-jährigen Singvereinsjubiläum überbrachte Marko Zöllner die Grüße des Philharmonischen Chors und Fritz-Eckart Wandel, der den Singverein bei allen größeren Unternehmungen begleitet und die Freundschaft in besonderer Weise personifiziert, wurde in diesem Rahmen für 25-jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet.

Der Philharmonische Chor Weimar wird am 19. Dezember mit den Chören des Laudenbacher Singvereins das Weihnachtskonzert bestreiten – so der Corona-Virus das zulassen wird.

Am Tag der deutschen Einheit 1990 wurde auf dem Grundschulgelände in Laudenbach durch den Organisationsleiter des Philharmonischen Chors Weimar, Dr. Waldemar Danowski, und Chorleiter Eduard Lehmstedt ein Ginkgo gepflanzt.