Lützelsachsen MGV 1868 – Liederstrauß mit Fortissimo

April 2018 (Weinheimer Nachrichten) MGV 1868 Lützelsachsen startet mit Festbankett seine Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen

 

LÜTZELSACHSEN. Bei der Zugabe drehte sich Musikdirektor Kurt Arras auf der Bühne zum Publikum um und schmetterte glockenhell die Solo-Passagen von „Handwerkers Abendgebet“ in den voll besetzten Saal des evangelischen Gemeindehauses. Es war der krönende Abschluss eines Festbanketts, bei dem der Männergesangverein 1868 Lützelsachsen stimmlich alles in die

Waagschale legte, was ein 17-köpfiger Männerchor an Volumen und Ausdrucksstärke zu leisten vermag. Einige Stücke gewährten neben Harmonie auch am Ende eine Steigerung vom Forte zum Fortissimo, das die aufmerksamen Zuhörer bisweilen regelrecht mitriss.

Zum Abschluss Sakrales

Der Chorgesang feierte auch deshalb ein Fest, weil sich zum Schluss der Lützelsachsener Chor mit dem befreundeten Chor des MGV Freundschaft 1892 Dossenheim zusammentat und mit knapp 40 Sängern noch vielstimmiger mit dem gesungenen „Vater unser“ und „Jerusalem“ vom zuvor verabreichten romantisch-folkloristischen Genre ins Sakrale wechselte.

Der MGV 1868 Lützelsachsen feiert sein 150-jähriges Bestehen zu einer Zeit, in der viele Gesangvereine klassischer Ausrichtung um ihr Überleben kämpfen. Der demografische Wandel und der Mangel an Bereitschaft, sich ehrenamtlich für die Gemeinschaft zu engagieren, nagen an einem kulturellen Erbe, das über Jahrzehnte bei Veranstaltungen im Ort Akzente setzte. „Was das bedeutet, kann nur jemand ermessen, der einmal einen Schluck aus einem Tagesleistungspokal genommen hat“, erklärte Weinheims Oberbürgermeister Heiner Bernhard in seiner Festrede. Dass der Lützelsachsener Verein 1976 seine erste Reise in die Partnergemeinde Varces bei Grenoble unternahm, würdigte Bernhard ebenso wie die Leistung der Vorsitzenden und Dirigenten des MGV 1868. Erwin Sommer schrieb 30 Jahre als Vereinsvorsitzender und als Vorsitzender des Sängerkreises Weinheim Geschichte. Sein Nachfolger Karl Leitwein ist ebenfalls schon 20 Jahre an der Spitze des Vereins, und Festdirigent Kurt Amis leitet schon 43 Jahre die Singstunden.

Veränderte Chorlandschaft

„Wir sind selbst manchmal überrascht, was da bei uns noch herauskommt“, sprach Leitwein von der Freude am Singen, die auch der amtierende Sängerkreisvorsitzende Rudi Neumann beschwor. Dass Singen die Persönlichkeit fördere, sei ein gesellschaftlicher Konsens, sagte Neumann, nur verändere sich die Chorlandschaft zunehmend. An die Stelle des Gesangvereins, der ein Leben lang zu einem Stück Heimat wird, tritt der Projektchor oder der Gospelchor. Die Vielfalt ist enorm. Alleine 2016 gab es laut Deutschem Chorverband rund 300 000 Konzerte mit 60 Millionen Besuchern. „Wir dürfen uns den Neuerungen nicht

verschließen“, stellte Neumann fest. Der Sängerkreis-Vorsitzende ehrte Karl Leitwein mit der Ehrennadel in Gold des Sängerkreises. Für den Verein überreichte er zum 150-jährigen Bestehen Urkunden des Deutschen und des Badischen Chorverbandes.

Trotz Nachwuchssorgen. Ihren Gesangverein schätzen die Lützelsachsener sehr, wie auch Ortsvorsteherin Doris Falter klarmachte. Winzerkönigin Maria I. und ihre Prinzessinnen Laura und Christin bedankten sich dafür, dass der Chor stets die Krönungszeremonie beim Winzerfest musikalisch mitgestaltet. Im Namen aller Lützelsachsener Vereine würdigte Rainer Müller,

Vorsitzender der TSG Lützelsachsen, die Sänger als wichtigen Teil der Gesellschaft des Ortes. Müller überreichte statt Musiknoten lieber Banknoten, die natürlich ebenso willkommen waren als Jubiläumsgabe wie der Chorsatz, den Bernhard Willwert von der Sängerfreundschaft „Dossenheim“ überbrachte.

Jan Rohland schließlich, der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Lützelsachsen, hatte das mit dem „Hohen C“ sehr wörtlich genommen und schenkte einen entsprechenden Orangensaft samt Sekt, den man in der nächsten Singstunde verkosten kann.

Rund um das Festbankett

Am Keyboard begleitete Jochen Braunstein, Kantor in der evangelischen Kirchengemeinde, die Sänger.

Als Solisten traten Willi Harbart und Peter Brenner in Erscheinung.

Alle ehemaligen Festdamen des Vereins erhielten Blumensträuße, die Zweiter Vorsitzender Karl Kreis mit Helfern verteilte.

Weitere Jubiläumstermine: 21. Mai: Ökumenischer Gottesdienst im katholischen Kirchenzentrum. 23. Juni: Entgegennahme Konradin­Kreutzer-Medaille in Lahr. 13. Oktober: Freundschaftssingen in der Gemeindehalle Lützelsachsen. Totensonntag: Singen für Verstorbene. Heiligabend: Singen unterm Weihnachtsbaum im Schulhof.

Oberbürgermeister Heiner Bernhard hat inzwischen eine persönliche Einladung von Karl Leitwein, an einer solchen Singstunde teilzunehmen. Er würde als bald frischer Ruheständler jedenfalls das Durchschnittsalter deutlich senken. Als der MGV 1868 Lützelsachsen das Stück „Freude am Leben“ gesanglich dynamisch vortrug, betrieb er jedenfalls beste Werbung in eigener Sache und für das Singen. dra

Musikdirektor Kurt Arras dirigierte den MGV 1868 Lützelsachsen am Samstag durch das Festbankett anlässlich des 150-jährigen Vereinsbestehens.    BILD: MARCO SCHILLING