Lützelsachsen MGV 1868 – Raufen, Saufen und skurrile Originale  

Juni 2019 (Weinheimer Nachrichten) Theater: Auf der Freilichtbühne unterhalb der Winzerhalle präsentiert der MGV 1864 Lützelsachsen Carl Zuckmayers Komödie „Der fröhliche Weinberg“

Von unserer Mitarbeiterin Margit Raven

 

LÜTZELSACHSEN, „Beim Publikum kam jede Pointe an, es rasselte Beifallsstürme. Und Du, Zuck, standest in der Kulisse, im einen Arm den Feuerwehrmann, im anderen eine Flasche „Nackenheimer“, strahltest und schriest: „Herrgott, die Leute verlachen mir die ganzen Pointen.“

So beschrieb die Schauspielerin Käte Haack die Uraufführung von Carl Zuckmayers Lustspiel „Der fröhliche Weinberg“ am 22. Dezember 1925 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Seitdem sind fast hundert Jahre vergangen und noch immer erscheint Zuckmayers Geschichte um den Winzer Jean Baptiste Gunderloch frisch und aktuell. Und wenn sie dann noch mit reichlich Lokalkolorit versehen ist, wie am Freitagabend bei der spritzigen Inszenierung des MGV 1868 Lützelsachsen, ist der Jubel des Publikums vorprogrammiert.

Zumal alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Premiere gegeben waren. Vom blauen Himmel strahlt die Sommersonne auf die neu errichtete Freilichtbühne unterhalb der Winzerhalle, die Glocken der Dorfkirche läuten den Abend ein, während im eigens für die Inszenierung gebauten Gasthaus „Alte Pfalz“ der Wirt die letzten Gläser auf den Tischen verteilt, denn die ersten, in bunte Trachten gekleideten Gäste treffen ein.

Idyllische Kulisse

Neben der Gaststube lädt der „Lustgarten“ mit seinen romantisch beleuchteten Ligusterhecken die Liebespaare ein, und als hätte es ein Bühnenkünstler erschaffen, bilden die saftig grünen Lützelsachsener Weinlagen den stimmungsvollen Hintergrund. Eine idyllischere Kulisse für seinen „Fröhlichen Weinberg“ hätte sich „Zuck“, wie Carl Zuckmayer liebevoll genannt wurde, bestimmt nicht vorstellen können. Als Regisseur Hans-Peter Brenner der vor Jahren „Das Käthchen von Heilbronn“ in Schriesheim inszenierte, den Lützelsachsener Dorfplatz zum ersten Mal sah, war für ihn klar: Das ist der ideale Ort für den „Fröhlichen Weinberg“. Und nun war es so weit: Für rund dreihundert Zuschauer, die es sich an Biertischen lukullisch gut gehen lassen, bildet das kulturelle Dessert den anschließenden Höhepunkt dieses lauen Sommerabends.

Hund 30 Schauspieler, eine Volkstanzgruppe, Livemusik und Chorgesang mit dem Akkordeonisten und Dirigenten des Lützelsachsener Männerchors, Kurt Arras, moderiert von Rainer Müller, servieren dem Publikum die ebenso weinselige wie deftige Komödie mit witzigen Dialogen, pointenreichem Schlagabtausch und jeder Menge skurriler Originale.

Eines davon ist Eugen Münd als schweigsamer Weingenießer Raunz; der nur ab und zu aus seinem Zecher-Schlaf erwacht, um laut zu brüllen: „Sauft! Und schwätzt net so viel!“ Oder Dr. Bernhard Hildebrand als Pfalzwirt Eismayer mit pomadigem Mittelscheitel, Berliner Schnauze und Schlachtmesser, dessen Vorhaben: „Beim ersten Hahnenschrei erstech‘ ich meine Sau“,

Gott sei Dank nur durch deren angstvolles Todesquieken zu erahnen ist.

Herrlich hochnäsig und steif gibt Edwin Fath den Corpsstudenten Knuzius, dessen parodistische Verunglimpfung bei der Uraufführung 1925 heftig umstritten war, zumal der überhebliche Burschenschaftler seine angeblich schwangere Verlobte unehrenhaft sitzen lässt und schließlich volltrunken auf einem Misthaufen landet. Ja, bei Zuckmayers „Fröhlichem Weinberg“ geht es nicht zimperlich zu. Da wird gesoffen, geschimpft, gerauft, geliebt, hinter die „Pissoir“ Wand gepinkelt und dazwischen bekanntes Weinheimer und badisches Liedgut weinselig geschmettert.

Original-Passagen entschärft

Regisseur Hans-Peter Brenner hat so manche Zuckmayer-Original­Passagen entschärft. So sind die jüdischen Weinhändler immer noch an ihren Schläfenlocken zu erkennen, werden jedoch als „Hebräer“ bezeichnet. Einmal ermahnt Gunderloch die Kriegsveteranen, diskriminierende Äußerungen in seinem Haus zu unterlassen. Den lieblichen Teil der Komödie hat Charlene Marx, die ein ebenso charmantes wie raffiniertes Klärchen Gunderloch spielt. Heimlich liebt die Winzertochter den Rheinschiffer Jochen Most (Jürgen Schuster) und versucht mit allen Tricks, sich den schmierigen Knuzius vom Leib zu halten. Zum Glück verliebt sich der affige Corpsstudent in die Gastwirtstochter „Babettchen“ (Anne Hochbaum), die ihn eigentlich ganz nett findet, wenn er nüchtern ist.

Überhaupt finden sich am Schluss im Lustgarten immer mehr Paare ein. Allen voran Jean Baptiste Gunderloch, der plötzlich in Liebe zu seiner langjährigen Hausdame Annemarie entbrennt, auch sie ist nicht abgeneigt. Und so brennt es an allen Ecken, besonders hinter der Ligusterhecke.

Wer die amüsante, temporeiche und vor allem prächtig inszenierte Zuckmayer-Komödie in allen Einzelheiten erleben möchte, hat am Freitag, 28. Juni, 19 Uhr (Einlass 17 Uhr), auf dem Gemeindeplatz unterhalb der Winzerhalle in Lützelsachsen, die Gelegenheit dazu.

o Vorverkauf in Lützelsachsen: Esso Tankstelle Sporer und Schreibwaren Ludwig.

Die Darsteller – und die nächste Vorstellung

30 Darsteller und zahlreiche weitere Mitwirkende hinter den Kulissen haben die Inszenierung von „Der fröhliche Weinberg“ in Lützelsachsen zu einem Erlebnis für die Zuschauer gemacht.

Die Darsteller: Franz Niedermayer, Charlene Marx, Dr. Bernhard Hildebrand, Anne und Edda Hochbaum, Jürgen Schuster, Christine Müller, Edwin Fath, Walter Schmitt, Eva Gräfin und Ferdinand Graf von Keyserlingk, Karl Müller, Ursula Leitwein,Irina Braun, Pascal Zimprich, Manuel Fath, Manfred Fleckenstein, Eugen Münd, Kathrin Schulz, Karl Leitwein, Jürgen Gustke, Karl-Heinz Fath, Emil Ziegler, Marliese und Gerhard Diesbach, Walter Weidner, Heide Ziegler, Gisela Fath, Elfriede Weidner, Inge Weihrauch, Sophia-Clara Zimprich.

Souffleusen: Rosel Kraus, Ilse Vogelgesang, Rita Niedermayer, Sieglinde Kurz, Inge Brenner

Maske: Gabi Edelmann, Irmgard Ehmann.

Tontechnik: Kai Engelhardt.

Kamera: Michael Hartmann.

Musikalische Leitung: Musikdirektor FDC Kurt Arras.

Regie: Hans-Pater Brenner.

Volkstanzgruppen: Kerwe- und Heimatvereine aus Schriesheim, Leutershausen, Weinheim und Nieder-Liebersbach (Leitung: Jürgen Gustke).

Moderation: Rainer Müller.

Die nächste Vorstellung ist am Freitag, 28. Juni, um 19 Uhr (Einlass 17 Uhr) auf dem Gemeindeplatz vor der Winzerhalle in Lützelsachsen. Die Vorstellung am Samstagabend musste wetterbedingt ausfallen, sie wurde am Sonntag nachgeholt.

Charmant und raffiniert: Charlene Marx spielte das Klärchen Gunderloch, das Rheinschiffer Jochen Most (gespielt von Jürgen Schuster) den Kopf verdreht. Doch ihre Liebe müssen die beiden zunächst geheim halten. BILDER: ERNST LOTZ

Rund 300 Zuschauer verfolgten gespannt auch die Darbietungen der Volkstanzgruppen, die zur tollen Inszenierung des Zuckmayer-Stücks in Lützelsachsen einen großen Teil beitrugen.

Jürgen Gustke und eine Statistin vor dem Bühnenbild der „Alten Pfalz“.

Herrlich hochnäsig und steif: Edwin Fath (rechts) gibt im Fröhlichen Weinberg den Corpsstudenten Knuzius sehr überzeugend. Franz Niedermayer spielt den Winzer Jean Baptiste Gunderloch.