Weinheim Cantus-Vivus – Monumentales Werk sakraler Musik

Dezember 2019 (Weinheimer Nachrichten) In der ausverkauften St.-Laurentius-Kirche begeistern „Cantus Vivus“ und Dirigent Wolfram Schmidt mit Monteverdis „Marienvesper“ / Denkwürdige Inzenierung

Von Margit Raven

 

Weinheim. Der Dirigent Wolfram Schmidt hatte sich auch dieses Mal mit seinem Konzertchor „Cantus Vivus“ in harmonische und rhythmische Kühnheiten aufgeschwungen. Dazu arbeitet er mit zahlreichen Effekten, wozu auch der Farblicht – Regisseur Benjamin Bogs beiträgt. Die „Vespro della Beata Vergine“, zu Deutsch „Marienvesper“, des 1567 geborenen italienischen Komponisten Claudio Monteverdi, ist das monumentalste Gipfelwerk sakraler Chormusik und gleichzeitig der Schlüssel der musikalischen Zeitenwende um 1600.

In der ausverkauften St-Laurentius-Kirche am Marktplatz hatte Wolfram Schmidt, neben dem großen Chor, das Ensemble „Musiche Varie“, unter der Leitung von Martin Lubenow, an seiner Seite. Dabei handelt es sich um hochrangige Experten historischer Instrumente, darunter Cornetto, Viola da Gamba, Laute, Chitarrone und Cembalo. Ergänzt wurde die aufwendige Inszenierung von einem großen Gesangs-Solisten-Ensemble: Viola Elges und Uta Löffler-Raque (Sopran), Thorsten Gedak, Christoph Mahla und Martin Lehr (Tenor) sowie Matthias und Karl-Heinz Dumm (Bass).

Monteverdis „Marienvesper“ enthält moderne, effektgeladene Sologesänge und spektakuläre Doppelchöre, ebenso eine kunstvolle Vokal-Polyphonie sowie die traditionelle Choral-Rezitation. Im vergangenen Jahr hat der spanische Regisseur Calixto Bieito die Marienvesper für die Opernbühne des Nationaltheaters Mannheim in Szene gesetzt. Er war der Meinung, dass es in dem Werk nicht um Religion gehe, sondern allein um die Macht der Frauen: „Für mich ist die Marienvesper wie ein Gedicht oder eine Feier über das Leben, die Geburt, das Menschwerden und die Weiblichkeit“, zitierte ihn der Mannheimer Morgen.-

Dialoge klingen wie ein Echo

Der Oratorienchor „Cantus Vivus“ zeigt sich am Sonntagabend in gewohnter Vitalität, als er die betörende Lyrik des Werkes durch klare Sprache und leichte Stimmführung betont. Dazu wirft das Orchester mit seinen drei Cornetti, auch „Zink“ genannt, und den drei Renaissance­Posaunen fanfarenartige Naturmalereien verschwenderisch in den Raum. Die Marienvesper wird von

Instrumentierung und Stimmung getragen, daher stellt sie große Anforderungen an die Interpreten. Wie der Chor zeigt sich auch das Solistenensemble von klarer Stimmkraft und Intonationssicherheit. Die Effekte und Stilmittel, mit denen Wolfram Schmidt bei der emotionalen Interpretation der Marienvesper arbeitet, betonen die Zeitlosigkeit des Werkes.

Neben der Lichtregie, die den Kirchenraum in wechselnde Farben taucht und damit die verschiedenen Stimmungen unterstützt, spielt der Dirigent auch mit der Positionierung von Chor und Solisten. So singt der Tenor Thorsten Gedak zu Anfang das „Deus in adiutorium“ von der Kanzel herab. Beim „Nisi Dominus“ teilt Schmidt den Chor in zwei Hälften, die sich links und rechts vom Altar aufstellen und damit den Klang auf faszinierende Weise verändern; damit wird Monteverdis Idee von den Doppelchören erfüllt. Die Dialoge zwischen den Solisten klingen wie ein Echo, wenn sich einzelne Sänger vom Altar wegbewegen. Immer wieder gelingen Wolfram Schmidt neue Wendungen und Überraschungen und bringen ein ganzes Kaleidoskop an Klangfarben zum Leuchten. Auffallend, aber auch etwas gewöhnungsbedürftig, ist das extreme Vibrato in den Tenor- und Bassstimmen. Besonders anrührend klingt das feierliche „Ave maris stella“, das nur von den weiblichen Chorstimmen interpretiert wird.

Ein opulentes „Magnificat“

Der Höhepunkt der Marienvesper ist zweifellos das „Magnificat“ mit seinem besonders opulenten Klang. Beim „Gloria“, das die Stimmen der vier Erzengel versinnbildlichen soll, klingen wie von fern die hellen Töne der Violine und das Cornetto wie eine Flöte. Die Freiheit, die Claudio Monteverdi seinen Interpreten ließ, kann man jedoch als Zuhörer nur genießen, wenn man alle Stilmittel auskosten kann. Auch der Raum muss der Klanggewalt des Werkes entsprechen. Die hohe, kathedralartige St. Laurentius-Kirche scheint wie geschaffen dafür zu sein.

Als das abschließende feierliche „Amen“ verklingt, ertönt minutenlanger Applaus für den grandiosen Konzertchor „Cantus Vivus“, die sieben, stimmgewaltigen Solisten, das versierten Ensemble Alter Instrumente und nicht zuletzt für den experimentierfreudigen Musiker Wolfram Schmidt, dem es mit seiner Inszenierung der „Marienvesper“ gelungen ist, sich in die Riege der großen Experten auf dem Gebiet „Alte Musik“ einzureihen.

Nicht nur die Musik, auch die ganz besonderen Lichteffekte spielten eine beherrschende Rolle bei der Aufführung von Monteverdis „Marienvesper“. Für die Besucher in der ausverkauften St.-Laurentius-Kirche war dies ein ganz besonderer Genuss. BILD: PHILIPP REIMER