Weinheim Cantus-Vivus – Sphärische Akkorde in der Kirche

November 2018 (Weinheimer Nachrichten) Konzert: Mit Brahms Requiem demonstrieren Wolfram Schmidt und „Cantus Vivus“ ein Klangerlebnis von ergreifender Schönheit

 

WEINHEIM. Mehr als ein Jahrzehnt lang beschäftigte Johannes Brahms die Idee seines Requiems als große Trauerkantate. Drei Sätze des Werkes wurden im Jahr 1867 in Wien uraufgeführt, allerdings mit mäßigem Erfolg. Der eigentliche Durchbruch erfolgte ein Jahr später im Bremer Dom, wo das mit sieben Chorsätzen vollendete Werk vom Komponisten persönlich dirigiert wurde. Heute zählt Johannes Brahms Deutsches Requiem zu den meist aufgeführten Werken der Klassik.

In der voll besetzten St. Laurentius-Kirche kam das Juwel deutscher Kirchenmusik am Samstagabend mit der atmosphärisch dichten Darstellung des Konzertchores Cantus Vivus Bergstraße unter der Leitung von Wolfram Schmidt zur Aufführung. Zusammen mit den Solisten Julia Stratiros (Sopran), Michael Roman (Bariton) und nicht zuletzt mit der hohen Klangkultur der Kurpfalzphilharmonie (Konzertmeister: Arne Müller) erlebten die Zuschauer einen Hörgenuss auf höchstem Niveau.

Doch bevor Chor und Orchester die Kantate mit ihren innig lyrischen Momenten zu strahlenden Passagen führten, erklang das „Schicksalslied“, das Brahms 1871 zu einem Text von Friedrich Hölderlin komponiert hatte. Textlich und musikalisch lebt das Werk von dem Kontrast zwischen Göttlichem und Menschlichem. Der Himmel wird mit den sphärischen Schwebeakkorden der Geigen und dem hymnischen Gesang des Chores dargestellt, die menschliche Dimension hingegen erscheint mit verminderten Akkorden und abrupten Bewegungen von Chor und Orchester wie das Fallen von Klippe zu Klippe. Brahms Schicksalslied endet in der Geborgenheit des Himmels und all seinem Trost. „Trost“ heißt auch das Projekt, das auf Initiative von Wolfram Schmidt in Kooperation mit der Ökumenischen Hospizhilfe Weinheim-Neckar-Bergstraße entstanden ist. Ergänzt wurde das Konzert durch inhaltlich passende Texte und Gedichte, die zwischen den einzelnen Chorsätzen von dem professionellen SWR-Sprecher „Pfarrer Klaus Nagorni“ rezitiert wurden.

Die sieben Texte, die er mit seiner angenehm sonoren Stimme vortrug, wurden von verhaltenen Präludien begleitet, die Wolfram Schmidt, aus Elementen des Brahmschen Requiems komponiert und arrangiert hatte. „Selig sind, die da Leid tragen“. Mit diesen Worten beginnt das „Deutsche Requiem, op. 45“ von Johannes Brahms. Starre Größe kennzeichnet den zweiten Satz, während der dritte Satz von dem warmen Bariton des Solisten Michael Roman getragen wird.

In lockerem Fluss mit permanenter Sicherheit bei den Tempo-Übergängen und dynamischen Wechseln beeindruckten die rund einhundert Sängerinnen und Sänger des Oratorienchores „Cantus Vivus“ mit ihrer Gänsehaut erzeugenden Klangfülle. Satte Streicherklänge und kräftige Bläserfarben schafften Spannung und Dramatik. Überirdischen Trost spendete der fünfte Satz mit den Worten: „Ihr habt nun Traurigkeit“. Der Sprecher Klaus Nagorni schenkte dem Publikum mit Gedichten wie „Sehnsucht“ von Friedrich Schiller oder „Was dann?“ von Joachim Ringelnatz zusätzliche Oasen des Innehaltens. Den dramatischen Höhepunkt brachte der sechste Satz.

Wunderbar vereinte sich hier der Chor mit dem Solo-Bariton und steigerte sich zu geradezu wilder Leidenschaft: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Stets zeigte der Konzertchor, unter der souveränen Stabführung von Wolfram Schmidt, ein perfekt geschultes Kollektiv mit feinsten Differenzierungen in der Gesamtleistung. Die Intensität, mit der das Orchester der Kurpfalzphilharmonie dichte Klanggebung wob, war kaum zu steigern.

Im Schlusssatz wiederholte sich die Stimmung des ersten Satzes: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“, worauf das Requiem in geradezu stiller Ergebenheit ausklang. Wie eine Säule stand der letzte Ton im Raum und es folgte ein Moment atemloser Stille. Dann erhoben sich die ergriffenen Zuschauer, um Chor, Solisten, Orchester und Wolfram Schmidt, für diese gewaltige Demonstration göttlicher Größe zu danken.  rav

Der Konzertchor Cantus Vivus und Solisten der Kurpfalzphilharmonie führten am Samstagabend ein Requiem von Brahms auf. BILD: FRITZ KOPETZKY