Weinheim GV 1955 – Künstler bieten ganz großes Kino

Dezember 2019 (Weinheimer Nachrichten) Begeisterung pur bei Auftritt dreier Chöre in St. Marien

 

Weinheim. „Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet.“ Sichtlich beeindruckt verlässt die Konzertbesucherin nach über zwei Stunden Hörgenuss die St.-Marien-Kirche in der Weinheimer Weststadt. Herausragend die Darbietungen des St. Petersburger Knabenchors und des Moskauer Vokalensembles St. Daniels Chors aus Moskau, ins Ohr gehend auch die Weisen des GV 1955 unter der Leitung von Volker Schneider.

Das Konzert der drei Chöre war der fulminante Abschluss des Jubiläumsjahres von Schneider, der seit 50 Jahren Chöre leitet, seit 25 Jahren auch den des Gesangsvereins 1955.

Schneider unterstützt seit vielen Jahren den Sängernachwuchs aus St. Petersburgund die Vokalkünstler aus Moskau, längst sind Freundschaften entstanden. Es war also ein Konzert von Freunden für einen, der viel getan hat für die Chormusik entlang der badischen und hessischen Bergstraße.

Der gemischte Chor des GV 1955 machte den Anfang, eröffnete mit „Jodiri“ und Hubert von Goiserns „Weit, weit weg“. Dann war es an der Zeit für den ersten Auftritt des Knabenchores, der mit leuchtenden Kerzen einzog. Mit ihnen, wie immer vor Fröhlichkeit und Charme förmlich sprühend, Chorleiter Wadim Ptscholkin. – „Sie werden die Weite und die Seele Russlands spüren“, versprach Moderator Stefan Adler. Atemberaubend gleich der Auftakt mit Tschaikowskys „Seid würdig“ und Scarlattis „Excultate Deo“ – glockenhell, technisch brillant, aber auch mit dem nötigen Gefühl gesungen. Das „Hallelujah“ in Scarlattis Stück erfüllte den ganzen Kirchenraum und die Herzen der vielen Zuschauer. Weiter ging es mit Vivaldis „Domine Deo“. Ein freudiges Raunen ging durch die Zuschauer bereits, als der Moderator Schuberts „Ave Maria“ nur ankündigte. Was dann folgte, war ein musikalischer Hochgenuss, der alle ergriff, einige sogar zu Tränen rührte. Der Applaus war verdient riesig. Der St. Daniels Chor muss seit dem dritten Advent einen schrecklichen Verlust fertig werden. Im Rahmen eines Konzertes in Obernhausen erlitt Dirigent Dr. Vladislav Belikov einen Anfall. Das Konzert musste abgebrochen werden, zwei Stunden später war der erst 47-Jährige tot. Trotzdem, so der Sprecher der drei Sänger, habe man die Tournee nicht abbrechen wollen. Weitermachen, das sei ganz im Sinne des „lieben Freundes und Kollegen“ gewesen. „Er sieht das jetzt bestimmt“, endete der Sänger.

„Abendopfer“ lautet übersetzt der Titel eines alten griechischen Kirchenliedes, das normalerweise zur Fastenzeit gesungen wird. Das Bass-Solo sorgte ebenso für Gänsehaut unter den Zuhörern wie der folgende Klostergesang, der normalerweise am Ende der Eucharistie gesungen wird, das „Mariengebet“, Vom Publikum gefeiert auch „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Dmitri Bortnjanski.

Der Frauenchor des GV 1955 Weinheim ließ die „Weihnachtsglocken“ folgen, der gemischte Chor wusste mit den „Sternen der Heiligen Nacht“ sehr zu gefallen, bevor es dann wieder an den jüngsten Protagonisten war, das Publikum zu verzaubern. Die 41 St. Petersburger Sänger durften sich nach ihrer mitreißenden Interpretation des „Trommellieds“, des Liedes „Engel lieblich singen“ und der volkstümlichen Weise „Glocken der Heimat“ zum wiederholten Male über lang anhaltende stehende Ovationen

freuen.

Mit dem Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ setzten sie noch eins oben drauf, um dann mit einem Song aus einem ganz anderen Genre zu überraschen und die ganze Bandbreite ihres Repertoires zu demonstrieren.

Mit einem Male ertönten Rufe von Affen und anderen Dschungeltieren in der Kirche. Das war der Moment, an dem auch die kleinsten Konzertbesucher so richtig Spaß hatten. Swingend, klatschend, Finger schnippend sang der Knabenchor „The Lion Sleeps Tonight“ und riss damit abermals alle von den Sitzen. Im nächsten Moment wurde es ganz still in der Marienkirche, als Brahms Wiegenlied alle verzauberte.

Ein weiterer Höhepunkt war das „Hallelujah“ aus Händels Messias. Am Ende durfte schließlich auch das Publikum bei „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“ mitsingen. Begeisterung pur in St. Marien in der Weinheimer Weststadt. awa

Der Knabenchor St. Petersburg war einer der drei Chöre, die die Besucher in der St.-Marien­Kirche begeisterten. BILD: THOMAS RITTELMANN