Weinheim Kammerchor – Sehnsuchtsvolle Klänge in der Kirche

Juli 2019 (Weinheimer Nachrichten) Konzert: Der Weinheimer Kammerchor und das Kammerorchester unter der Leitung von Norbert Thiemel und Teresa Freund begeistern mit „Walzer trifft Tango“

Von unserer Mitarbeiterin Margit Raven

 

WEINHEIM. Es dürfte wohl das gewaltigste und sicherlich ungewöhnlichste Kirchenkonzert gewesen sein, das der Weinheimer Kammerchor zusammen mit dem Kammerorchester am Samstagabend in der voll besetzten Stadtkirche einem gebannt lauschenden Publikum präsentierte. Ein Wochenend-Workshop, den Chor und Orchester mit ihren Leitern Norbert Thiemel und Teresa Freund im Elsass verbrachten, hatte diesem anspruchsvollen Projekt den letzten Schliff gegeben.

Unter dem Titel „Walzer trifft Tango“ bildeten zwei völlig unterschiedliche Tanz-Genres eine Symbiose. Beschwingt und heiter begann. dieser tropisch heiße Sommerabend mit dem Liebeslieder-Walzer von Johannes Brahms, der durch seine Zeit in Wien ein großer Walzer-Liebhaber war. Das Stück für vierstimmigen Chor und vierhändige Klavierbegleitung besteht aus 18 kleinen, frech-erotischen Liebesliedern, deren Texte aus der weltpoetischen Anthologie von Georg Friedrich Daumer stammen. Sie sprudeln förmlich über vor Metaphern und Natursymbolik.

Der Kammerchor, unter der Leitung von Norbert Thiemel, begeisterte mit harmonischem Klang, subtiler Interpretation und überzeugender emotionaler Darstellung. Glasklar schwebten die Stimmen, mal als reiner Männerchor, mal als Frauenchor, dann wiederum im gemeinsam wiegenden Walzertakt. Ebenso witzig wie spöttisch klingen Brahms Liebeslieder, wenn er die Liebe mit einem dunklen Schacht vergleicht oder sie das „stöhnende Weh“ der Erinnerung nennt.

Den vierstimmigen Klavier-Part der Brahms-Lieder übernahmen die beiden Konzertpianistinnen Ursula Boller-Schmidt und Marina Rivkina. Man hätte sich für den zweiten Teil des Abends genau das Tanzpaar gewünscht, dessen Skizze das Programm-Cover zierte. Sie, die biegsame Frau im engen, geschlitzten Kleid, er in stolz-eleganter Dominanz, beide geben sich dem Rhythmus der Leidenschaft hin.

Geboren in den Bordellen von Buenos Aires drückt der Tango Melancholie, Schmerz und Erotik gleichzeitig aus. Mit Por una cabeza“ von Carlos Gardel und dem bekannten Tango „El Choclo“ von Angel Grogorio Villodos gab das Kammerorchester, unter der Leitung von Teresa Freund, einen Vorgeschmack auf die leidenschaftliche Dramatik des argentinischen Ausdruckstanzes.

Der Tango-Vals „Caserón de tejas“ von Sebastian Piana verband schließlich die beiden Genres, Walzer und Tango, zu einer mitreißenden musikalischen Cuvee, die sowohl Elemente des Wiener Walzers als auch der Pariser Musette enthält. Das Weinheimer Kammerorchester zeigte sich hier mit großer Homogenität im Zusammenspiel, sodass sich die Beschreibung des Musikwissenschaftlers Jürgen Bieler bestätigte: „Beim Vals blickt die Tangoseele nach oben“.

Für den Höhepunkt des Abends, die „Misa a Buenos Aires“ nahmen vor dem Altar Chor und Kammerorchester gemeinsam Aufstellung. Norbert Thiemel dirigierte das gewaltige Werk mit einem feinen Gespür für die mitreißende Leidenschaft des Tangos, der Sängerinnen, Sänger und Musiker über den gesamten Raum zu tragen wusste. Im Mittelpunkt der Tango-Messe stand der charismatische Bandeon-Spieler Norbert Kotzan, der das Instrument, in seiner Liebe zum Tango, in argentinischen Sinfonie-Orchestern gelernt hat. Kein anderes Instrument kann Sehnsucht und Melancholie dieses Tanzes besser ausdrücken und damit die kraftvollen Akkorde des Chores und die eleganten Töne der Streicher besser umschließen und nicht zuletzt der klaren Sopranstimme von Anja Gohl noch mehr Ausdruck verleihen. In der „Misa a Buenos Aires“ des 1965 geborenen argentinischen Komponisten Martin Palmeri vereinen sich auf faszinierende Weise die traditionellen stilistischen Elemente der kirchlichen Liturgie vom „Kyrie“ über „Gloria“ und „Credo“ bis zum „Agnus Dei“ mit der Leidenschaft des Tangos. Vollmundig, zerrissen und expressiv bestimmten Klavier und Bandoneon den Klang und die Stimmung der Messe.

Das ebenso spannende wie gewaltige Konzertprojekt voll Sinnlichkeit und Leidenschaft, das von den Ausführenden mit großer Hingabe zum Strahlen gebracht wurde, erhielt den verdienten lang anhaltenden Applaus samt Bravorufen.

Ein begeistertes Publikum honorierte am Wochenende in der Stadtkirche die Leistung des Weinheimer Kammerorchesters und des Weinheimer Kammerchores. Beide Ensembles hatten mit „Walzer trifft Tango“ das bislang ungewöhnlichste Kirchenkonzert in Weinheim dargeboten. BILD: FRITZ KOPFTZKY