Leutershausen MGV – Auch die schlechten Tänze tanzen

März 2021 Hoffnung auf erneuten Beginn der Chorproben / Vorsitzender Harald Brand sieht einige Chöre vor dem Ende

 

Leutershausen. Die Kamera fährt über viele Stuhlreihen im menschenleeren Saal des Gasthauses „Zum Löwen“ – das verwaiste Probenlokal des MGV 1884 Leutershausen bietet einen beklemmenden Anblick. Dieser Effekt sei beabsichtigt, erklärt Vorsitzender Harald Brand, der die Videobotschaft zum Jahresausklang initiierte. Darin blickt er auf 2020 und die vielen, ausgefallenen Veranstaltungen zurück: die offene Chorprobe, Straßen- und Familienfest

oder ein geplanter Ausflug ins Allgäu, „Wir hatten viel vor in diesem Jahr“, bilanziert Brand: „Wer hätte gedacht, dass unsere Veranstaltung, „Ehrungen und Wein“ im Februar die einzige werden würde?“

Er bekommt Gesellschaft vom Nikolaus, unter dessen vollem Bart sein Vize Bernhard Götz steckt, der in die düstere Stimmung einfällt: Auch die schlechten Tänze wollten getanzt werden. In dieser Zeit zeigt sich, wie groß das Rückgrat ist, das man braucht, um solch eine Situation zu überstehen.“ Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert der Vorsitzende an ein paar Lichtblicke im tristen Szenario: Der Chor habe während des Sommers im Weingut von Mitglied Johannes Teutsch proben können und durfte in die Ehemalige Synagoge umziehen, als es kälter wurde – die Gemeinde habe das ermöglicht.

Es passiert ja eh nichts“

Dann machte der zweite Lockdown auch diesen Abenden den Garaus. Seither herrscht Stillstand, nur unterbrochen

von gelegentlichen Videokonferenzen im Vorstand. „Das war nicht häufig, aber es passiert ja eh nichts“, seufzt Brand. Das bevorstehende Ende des Männerchors 1890 Sulzbach sei bei seinen Mitstreitern kein Thema gewesen, erklärt er. Grundsätzlich seien in einem solchen Fall nicht nur die Pandemie-Vorschriften unsächlich: „Natürlich ist Corona an vielem schuld, aber da beschleunigt es vielleicht nur die Entwicklung.“

Und die hat in seinen Augen mit der Überalterung zu tun, einem Problem vieler Chöre. Warum das so ist? Brand glaubt: „Weil sie vor 20, 25 Jahren genau null für Werbung getan haben.“

Viele hätten es verpasst, da aktiv zu werden; er erinnert sich, dass auch der MGV „bis vor 20 Jahren regelmäßig Neuzugänge gehabt“ habe. Auf einmal habe das aufgehört, er vermutet, dass irgendwann „ein Trott“ einkehrte.

Doch vor einigen Jahren startete der Chor eine Werbekampagne, an deren Ende er zahlreiche Neuzugänge bekam und nun einen Altersdurchschnitt Ende 50 hat; es seien viele „im gesunden Mittelalter“ dazugekommen, aus der Zielgruppe, die man auch ansprechen wollte. Denn ein zu großer Altersabstand bringe nicht viel: „Wenn da 50, 60

Jahre dazwischen sind, was soll dann so ein armer Bu mit den Älteren anfangen?“

Nun werde er oft von anderen Vorsitzenden angerufen, die sich Ratschläge einholen wollten: „Denen sage ich, dass wir uns für die Werbekampagne ein Budget von 25 000 Euro gesetzt haben. „Zumeist höre er dann nicht mehr viel am anderen Ende der Leitung, schränkt aber ein, dass es unterm Strich „bei Weitem nicht so viel“ gewesen sei, zudem bis heute Unterstützung von Sponsoren komme. Er sieht die Investition pragmatisch: „Wenn man den Chor auflöst, ist das vorhandene Geld doch eh futsch.“ Dieses Ende drohe noch einigen Chören an der Bergstraße: „Meine persönliche Meinung ist, dass es in den nächsten zwei, drei Jahren vier oder fünf Chöre trifft“.

Jedenfalls bremste die Pandemie im vergangenen Frühjahr erst einmal die Hochstimmung, in der sich der MGV nach seiner erfolgreichen Aktion befand. Verloren hat der Verein indes kein Mitglied, weder aus den Reihen der 45 aktiven Sänger noch von den 250 Passiven. Allerdings legten drei Sänger ihre Teilnahme an den Proben für die Pandemiezeit auf Eis. Soweit es die Finanzen angeht, hatten die Hirschberger, ebenso wie andere Chöre, keine Einnahmen außer den Mitgliedsbeiträgen. Gleichwohl werde Dirigent Michael Kuhn auch während des Lockdowns voll weiterbezahlt. An den Erfolg virtueller Singstunden glaubt Brand nicht, dafür setzt er seine Hoffnungen auf das

Frühjahr und eine Fortsetzung der Singstunden bei Teutschs.

Um diese Zeit zu überbrücken, bietet er jetzt virtuelle Stammtische an, die er allerdings für einen schwachen Ersatz hält: „Man hat sich halt mal wieder gesehen und ein bisschen gebabbelt. „Viel wichtiger sei ein richtiges Treffen, denn „die Leute sehen jetzt, wie wichtig die Gemeinschaft ist“. Sie soll im Vordergrund stehen, denn öffentliche Auftritte sind erst einmal nicht geplant, und auch bei den neu einstudierten Stücken, „Only you“ oder einem irischen Folksong, müsse man wohl wieder von vorn anfangen. Das nimmt er in Kauf: „Wir machen uns jetzt keinen Druck.“

Das waren Zeiten: vor drei Jahren sang der MGV 1884 im Olympia-Kino. BILD: MARCO SCHILLING